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– da brach für mich eine Welt zusammen

Hi, ich heiße Isabel, bin 34 Jahre alt und mit 17 begann meine MS-Reise.

Im Sommer 2005 begann ich meine Fahrschule. Wie jeder Autofahrer weiß, braucht man dafür einen Augentest. Diesen wollte ich gerade absolvieren. Dabei fielen mir zum ersten Mal leichte Sehprobleme auf. Das fiel aber nicht groß ins Gewicht und ich bekam meine Bescheinigung. Ich fuhr dann auf meinem Fahrrad nach Hause und bemerkte wieder dieses verschwommene Sehen. So leicht doppelt…

Erst einige Test beim Augenarzt, dann ins Krankenhaus

Das war schon sehr komisch und meine Mom schickte mich direkt zum Augenarzt.  Dort wurden einige Tests gemacht und man sagte mir, ich solle ins Krankenhaus. Da brach für mich eine Welt zusammen und ich fing noch im Wartezimmer an zu weinen.  Ein paar Tage vergingen und ich kam dann ins Krankenhaus. Für mich das erste Mal. Ich musste zum MRT, verschiedene Augentests über mich ergehen lassen und eine Lumbalpunktion sollte gemacht werden. Ich hatte gar keine Ahnung, was auf mich draufzukommt und folgte somit den Anweisungen der Ärzte. Hätte ich das mal lieber nicht getan… 

Eine Lumbalpunktion, die schief ging

Damals gab es von dem Krankenhaus 2 Häuser. Für die Punktion wurde ich rübergefahren, dort wurde es vollzogen (war ertragbar) und ich wurde gefragt ob ich laufen oder liegend transportiert werden möchte. Ich, mit meinen 17 Jahren, dachte mir, ich laufe, warum sollte ich auch liegen. Naja der Rücktransport hat sich etwas verzögert und während ich gewartet habe, bin ich unten hin- und hergelaufen. Als ich später zurück auf Station war und bei den Schwestern vorbeilief, fragten sie ganz erschrocken warum ich laufe. Ich solle mich schnell hinlegen und einige Stunden liegen bleiben. Tja, das war leider zu spät. 1h später fing das Elend bereits an. Kopfschmerzen… vom Feinsten. Die hielten über einen Monat an! Ich konnte nicht sitzen, kaum stehen, nur liegend war es einigermaßen ertragbar. Das war richtig schlimm. Aber das war mir eine Lehre und bei den folgenden Lumbalpunktionen ging es mir danach super. Das Ende vom Untersuchungsmarathon war eine Sehnerventzündung am rechten Auge. Ich bekam 5 Tage Kortison intravenös und durfte dann wieder nach Hause. 

Die Gewissheit: Es ist Multiple Sklerose

Der Befund ging zu meiner Hausärztin und bei der Auswertung kam meine Mom mit. Dort fiel zum ersten Mal das Wort “Multiple Sklerose”. Ich konnte damit nichts anfangen und dachte mir nur: „Okay.“ Draußen fing dann meine Mom an zu weinen und meinte ich werde im Rollstuhl landen… Spoiler: Sie hat bisher nicht recht behalten. 😉 Ungefähr 1 Jahr später hatte ich „herunterhängende“ Augenlider – das wurde nicht sehr ernst genommen, weil es nicht typisch für eine MS ist. Es ging auch nach einem Monat von alleine wieder weg. Wenige Monate später hatte ich dann Doppelbilder. Danach stand die Diagnose „Multiple Sklerose“ fest. Da war ich 18 und befand mich mitten im Abitur.

Es war das Jahr 2009. Ich war gerade fertig mit dem Abi, habe mein Studium in Fachrichtung Regenerative Energietechnik in Flensburg gestartet, welches ich jedoch nach einigen Monaten abgebrochen habe, da ich feststellen musste, dass mir das elektronische nicht so liegt. Zu dem Zeitpunkt war ich 20 Jahre alt.

Das war kurz vor Weihnachten.

Wenn man nicht an MS denkt, achtet man da auch nicht darauf

Das Kribbeln Stieg die Beine hoch

Das zweite Studium in Fachrichtung Ökotrophologie, sollte erst im darauf folgenden Herbst starten. Also habe ich in der Zwischenzeit viel gearbeitet. Zu dem Zeitpunkt hatte ich zwei Jobs. Da fingen meine Symptome langsam an. Ich hatte kribbeln in den Füßen, die je nach Belastung mal mehr und mal weniger wurden. Mit den Monaten stieg das Kribbeln dann langsam die Beine hoch bis zu meinem Bauchnabel. Nun begannen auch Symptome intensiver zu werden.

Immer mal wieder bin ich gestolpert, was bei mir auch im gesunden Zustand nicht selten war. Also habe ich mir dabei erstmal nichts gedacht. Ja, man kann ja auch mal schusselig sein und die Treppe hoch fallen. Kann ja alles mal passieren. Wenn man nicht weiß, dass es MS sein könnte, achtet man da auch nicht so genau drauf.

Beim Kribbeln dachte ich an einen eingeklemmten Nerv

Gesa: das Kribbeln steig die Beine hoch

Beim Kribbeln habe ich mir gedacht, dass es sicherlich ein eingeklemmter Nerv sei. Meine Einschränkungen wurden über die Zeit immer mehr, bis sie auffällig viel wurden. Zum Beispiel, dass mit dem umknicken im Stehen oder die Gefühlsstörungen in beiden Beinen. Das bereitete mir zunehmend Sorgen und ich begab mich in ärztliche Behandlung.

Also bin ich zu meinem Hausarzt gegangen und dort habe ich gleich eine Einweisung ins Krankenhaus bekommen. Die Diagnose MS stand da noch im Raum. Erstmal die Ergebnisse abwarten. Lumbalpunktion, motorisch evozierte Potentiale (MEP) und MRT. Also einmal bitte das volle Programm bitte. Da kam ich dann relativ zügig an einen Tropf und habe 5x 1g Kortison bekommen. Am 05.07.2010 saßen meine Mutter und Ich beim Neurologen im Büro und er teilte uns mit, dass ich MS habe. Da haben wir beide angefangen zu weinen, weil für uns die Diagnose ein riesen Schock war. Ganz besonders für meine Mutter, die damals schon über 20 Jahre auf der Neurologischen Station als Krankenschwester gearbeitet hat und selbst sie die Diagnose MS nicht im Kopf hatte. In der Zwischenzeit hatte ich mich natürlich schon etwas über Multiple Sklerose informiert. Das hat meine Angst natürlich nicht gemindert und das Gefühlschaos in meinem Kopf doch eher verstärkt.

Irgendwann habe ich versucht alles zu machen, wie vor der Diagnose

Ab dem Zeitpunkt kamen dann noch die Depressionen dazu und es wurde mir einfach alles viel zu viel. Das Ganze fühlte sich so an, als säße man in einem Zug und sieht nur noch alle Dinge extrem schnell an einem Vorbeirasen. In meinem Kopf waren die Gefühle wie ausgeschaltet und ich habe einfach nur noch funktioniert.

Irgendwann habe ich mich dann aufgerafft und versucht alles so zu machen, wie vor der MS Diagnose. Arbeiten, Vorbereitungen aufs Studium, Freunde, Feiern, Sport und noch mehr Arbeiten, neu waren die täglichen Spritzen welche ich mir selber geben musste, um die MS in Schach zu halten.

Moin ihr Lieben,  

ich bin Gesa, 34 und komme aus dem „echten“ Norden (Schleswig-Holstein) ;-). 

Meine Diagnose ist mittlerweile 11 Jahre her und ich möchte euch nun darüber berichten

„Wie halten die das durch?”, war mein erster Gedanke, als ich meine Schulfreunde am Montag wieder getroffen habe. Wir haben das Wochenende zusammen auf dem Festival verbracht. Ich war nur den ersten Abend dabei, mehr habe ich nicht geschafft, denn ich war so unendlich müde. So sehr ich dabei bleiben wollte, es war unmöglich, denn es ging nichts mehr. Ich habe mich vor Müdigkeit wie gelähmt gefühlt, sowohl körperlich, als auch geistig, es war nur noch eine Qual. Obwohl ich das restliche Wochenende im Bett verbracht hatte, war ich trotzdem unendlich müde an diesem Montagmorgen.

Für mich war es unbegreiflich warum sie fitter als ich waren, obwohl sie bis spät Abends am Sonntag auf dem Festival geblieben sind.

Es wurde abgeschmettert als “Sie denken sich das aus, um nicht arbeiten zu müssen”

Diese verminderte Leistungsfähigkeit ist mir damals am meisten aufgefallen, jedoch habe ich mir nicht wirklich Gedanken gemacht, denn es gab genügend plausible Erklärungen. Die stressige Klausurenphase, das anstrengende Trainingslager am Wochenende usw.. 

Ab und zu war mein Bein kraftlos und dadurch hatte ich Schwierigkeiten beim Gehen. Phasenweise habe ich auch verschwommen gesehen und ich habe mir daraufhin eine neue Brille geholt. Diese Beschwerden gingen aber von selbst nach einiger Zeit weg und so habe ich mir damals keine Gedanken gemacht.

Die neurologischen Symptome im Bein haben sich zugespitzt und es kamen auch weitere Symptome dazu. Daraufhin war ich bei mehreren Ärzten. Es wurde nichts gefunden und da man keine Erklärung hatte, wurden sie als Spätsymptome der Gehirnveränderung, die ich seit Geburt habe, abgestempelt. Meine Bitte um weitere Diagnostik wurde niedergeschmettert und ein Arzt sagte mir sogar, dass ich mir diese Symptome ausdenke, um nicht Arbeiten zu müssen.

Der Verdacht auf Hirnhautentzündung

2007 hatte ich eine Hirnhautentzündung mit neurologischen Ausfällen. Es wurde zwar eine Lumbalpunktion gemacht, jedoch wurde z.Bsp. nicht auf die MS spezifischen oligoknale Banden untersucht. Ein CT, ohne Kontrastmittel, wurde nur gemacht, um eine Hirnblutung auszuschließen. Rückblickend, nach Sichtung der schwedischen Befunde, haben einige andere Ärzte Bedenken geäußert, ob die Diagnose der Hirnhautentzündung richtig war und es nicht nur ein schwerer MS Schub in Folge eines Infektes war.

Sehstörungen nahmen drastisch zu

2014 nahmen die Sehstörungen drastisch zu. Ich habe immer öfter verschwommen gesehen und hatte ab und zu das Gefühl, dass mein Gesichtsfeld eingeschränkt war. Daraufhin war ich beim Augenarzt. Er erklärte, nachdem er lediglich mein Augenlid hochgezogen hatte, es ist eine Nebenwirkung von meinem Herzmedikament, welches ich zu dem Zeitpunkt eingenommen habe. Denn im Beipackzettel stand, dass dies eine häufige Nebenwirkung sei und zusätzlich hätte ich wohl noch trockene Augen. Er gab mir eine Probepackung von Augentropfen und damit war das Thema für ihn vom Tisch.

Ich habe mir einen weiteren Augenarzt gesucht, um mir eine zweite Meinung einzuholen. Dieser führte einige Untersuchungen durch und die Gesichtsfeldmessung war auffällig. „Sie machen den Test heute zum ersten mal, da passiert es schon mal das fälschlicherweise Auffälligkeiten zum Vorschein kommen und außerdem sind Sie jung”, waren seine Worte. Ich habe auf eine Kontrolle in ein paar Monaten bestanden und ich bekam mit Zähneknirschen einen neuen Termin. Hier ahnte noch keiner, dass ich schon wenige Wochen später wieder da sein würde.

Plötzlich sah man in den Gesichtern, dass man mich ernst nahm

Die Beschwerden nahmen immer mehr zu. Ich habe auf dem linken Auge fast nur noch verschwommen gesehen und hatte das Gefühl, es fehle ein Teil von meinem Gesichtsfeld. Dazu kamen die Schmerzen beim Bewegen des Auges.

Als ich mit anderen über die Beschwerden sprach, wurde mir immer wieder gesagt “Jetzt stell dich nicht so an, das wird schon wieder weg gehen.” Nach vielen Diskussionen mit der Augenarztpraxis, bekam ich einen Termin eine Woche später.

Im Nachtdienst, zwei Tage später, fing es auf einmal an zu flackern und das Gesichtsfeld wurde immer weniger. Ich fuhr direkt nach dem Nachtdienst zum Augenarzt und habe dieses Mal darauf bestanden, dass der Arzt mich untersucht, egal ob ich einen Termin habe oder nicht. Die Arzthelferin schickte mich ins Wartezimmer mit den Worten: „Das wird sehr lange dauern.“ Das war mir aber egal, damit konnte ich leben.

Beim Sehtest konnte ich nur 3 Buchstaben erkennen

Tatsächlich verging gar nicht so viel Zeit, bis die Auszubildende kam und meinte: „Kommen Sie, wir machen schon mal ein paar Untersuchungen, dann sind sie etwas beschäftigt.”

Beim Sehtest fiel auf, dass ich nur 3 der 5 Buchstaben auf der Tafel erkennen konnte.

Mein Augendruck war massiv erhöht und zur Krönung, wies das Gesichtsfeld massive Defekte auf. Dies wollte man nicht glauben und wiederholte die Messung noch 2 mal. Die beiden Messungen zeigten aber genau das Gleiche wie die Erste und die Gesichter der Arzthelferinnen veränderten sich. Wenige Minuten später saß ich im Untersuchungszimmer.

Der neuroloische Untersuchungsmarathon startet

Endlich wurde ich ernst genommen, die Ärztin untersuchte mich, fand aber nichts was die Beschwerden erklären konnte und schickte mich dann zum Hausarzt. Dieser telefonierte mit meinem Kardiologen, welcher immer noch der Meinung war, es könnte am Herzmedikament liegen. Gemeinsam beschlossen sie dann mich ins Krankenhaus einzuweisen, denn allen war klar, ambulant war das nicht zu klären.

Also bin ich direkt zur Notaufnahme weitergefahren. Ich kannte die diensthabende Kardiologin und sie war sehr schnell davon überzeugt, dass hier etwas nicht stimmt, wir es aber nicht mit einem kardiologischen Problem zu tun haben, sondern mit einem Neurologischen. Sie zog die Neurologen hinzu, doch diese wollten mich erst nicht aufnehmen. Zum Glück blieb die Kardiologin hartnäckig. Sie war kurz davor mich auf die Kardiologie aufzunehmen und dann die Neurologen konsiliarisch täglich hinzuzuziehen. Letztendlich hat der Oberarzt dann doch beschlossen, mich aufzunehmen und so startete am Tag danach der Untersuchungsmarathon unter anderem mit MRT, LP und VEP.

Das ist eine Nebenwirkung

Ich fühlte mich wie eine tickende Zeitbombe

In den nächsten Tagen wurde so gut wie gar nicht mit mir gesprochen, mir wurde aber erklärt, dass etwas nicht stimmte. Da ich zu dem Zeitpunkt auf der Station darüber gearbeitet habe, bin ich hochgegangen, habe mich in den PC eingeloggt und selbst geguckt. Dort fand ich den MRT-Befund, der Läsionen zeigte und der LP-Befund war ebenfalls auffällig. Ich begann langsam 1 und 1 zusammenzuzählen und sprach bei der Visite meine Vermutung an. Erst als ich das ansprach, rückten die Ärzte mit den Fakten raus, dass sie eine MS vermuten, aktuell die Kriterien aber nicht erfüllt seien und es einem klinisch isoliertem Syndrom entspricht. Da die Sehstörungen noch weiter zunahmen, bekam ich eine 3-tägige Kortisonstoßtherapie. Die Symptome sind zurückgegangen, jedoch ist im oberen Quadranten ein Gesichtsfelddefekt geblieben.

Ich wurde mit den Worten: „Wir können ihnen nicht sagen, ob jemals eine MS daraus wird. Versuchen Sie sich nicht so viele Gedanken zu machen und suchen Sie sich eine neurologische Praxis.”, entlassen. Ich fühlte mich wie eine tickende Zeitbombe. Dank einer Kollegin habe ich schnell eine ambulante Neurologin gefunden und ich wurde nicht lange auf die Folter gespannt.

Die Odyssee endet

Ungefähr 6 Wochen nach dem ersten Schub traten neue Symptome auf. Ich hatte eine Parese im rechten Bein sowie eine Spastik im Fuß. Dadurch war die Diagnose Multiple Sklerose bestätigt. Die diffusen Symptome hatten einen Namen und die jahrelange Ärzte-Odyssee ein Ende.

Es ist der 22. Juni 2019 als ich mit Drehschwindel am Nachmittag von den Sanitätern zum Krankenwagen begleitet werde. Gestützt, denn ich bin unsicher beim Gehen. Außer einem erhöhten Blutdruck können sie von außen nichts weiter feststellen. Sie fahren mich in die Neurologie, da sie näher ist. Der diensthabende Arzt in der Notaufnahme der Neuro kommt zu mir in den Krankenwagen, leuchtet mir kurz in die Augen, stellt erste Fragen und bittet mich dann auszusteigen. Er stützt mich ungefragt. Im Tageslicht stehen wir voreinander. Meine Augen versuchen seine zu fixieren. Ich schaffe es nicht. Der Arzt holt einen der Sanitäter zu sich, der mir ebenfalls in die Augen schauen soll. „Sehen Sie das? Den Nystagmus?“ Letzterer nickt. „Haken Sie sich mal bei mir unter, wir gehen jetzt hinein.“, spricht der Arzt sanft zu mir. Mein Drehschwindel ist schlimmer geworden, mein rechtes Auge schmerzt. Und so betrete ich zum ersten Mal die Notaufnahme der Neurologie, ohne zu wissen, was da noch kommen mag.

Im Karussell gefangen

Ich. Elisa, 29 Jahre alt, keine 4 Wochen verheiratet und Zwillingsmama von nicht ganz 3- jährigen Jungs.

Von da an nahm alles ganz schön Fahrt auf. Noch in der Nacht meiner Aufnahme kam ich ins MRT, gab Blut ab und stimmte einer Lumbalpunktion zu. Es folgte eine stationäre Aufnahme von 2 Wochen mit unzähligen Untersuchungen in alle Richtungen. Das eine Auge zuckte von links nach rechts, das andere „kullerte“ weg. Ich bekam eine Augenklappe und war tagelang in diesem Karussell gefangen. Erst hochdosiertes Cortison brachte Normalität zurück.

Nachdem Ursachen wie Schlaganfall und Krebs ausgeschlossen werden konnten, sprach man mir gegenüber immer nur davon, dass es vielleicht eine Autoimmunerkrankung sein könnte. Multiple Sklerose wurde in dieser Zeit niemals genannt und ich fragte auch nicht danach, obwohl ich es selbst recht früh vermutete. Für mich war aber auch klar, es würde vorerst nichts ändern, wenn der Grund einen Namen hätte. Ich wollte nur das Karussell loswerden.

Tatsächlich war dies nicht mein erstes Schuberlebnis. Das Erste fand im August 2018 statt, nachdem ich mit meinem Sohn in der Kinderklinik landete, da er von der Couch fiel und sich danach übergab. Logisch: Verdacht auf Gehirnerschütterung.

Was Erinnerungen auslösten

Meine Kinder kamen knapp 8 Wochen zu früh auf die Welt. Somit verbrachten wir die ersten Wochen nach ihrer Geburt im Krankenhaus. Ein unangenehmes Kapitel für mich.

Und während wir nun 2 Jahre später erstmals wieder in einer Klinik waren, ich mein Kleinkind an eben jene Monitore angeschlossen sah und das Piepen hörte, kamen diese unguten Gefühle und Erinnerungen zurück. Es löste sprichwörtlich etwas in mir aus. Am nächsten Morgen fühlte sich meine gesamte rechte Körperhälfte taub an. Alles kribbelte. Von der Schulter bis in den Fuß. Beim Laufen knickte mir ab und zu das Bein weg. Aber ich schwieg. Und ich ging auch zu keinem Arzt. Nach etwa 4 Tagen war alles wieder weg. Und ich vergaß den Vorfall schnell.

Diese Erkrankung hat mich gelehrt, dass das Leben jetzt stattfindet und nicht wartet. Also mache ich mit so gut ich kann, denn nur zusehen macht keinen Spaß. Und Spaß habe ich definitiv verdient.

Ich wollte das Karussell loswerden

Seit Dezember 2019 schubfrei

Nach dem Schub im Sommer 2019 wollte man zunächst abwarten, doch das Schubgeschehen hörte leider nicht auf. Man verwies mich an die MS-Ambulanz unserer Stadt mit einem sehr tollen Team. Sprach man anfangs noch vom KIS (Klinisch- isoliertes Syndrom), wurde nun erstmals von Multiple Sklerose gesprochen. Es schockierte mich nicht. Der Professor der Klinik hatte gehofft, mit Medikamenten noch warten zu können, doch nun waren wir uns einig, dass wir handeln wollten. Wir besprachen verschiedene Möglichkeiten, ich nahm mir Zeit zum Überlegen und 2 Monate später begann ich mit der Therapie.

Ich bin seit Dezember 2019 schubfrei. Es gibt keine aktiven Herde und auch sonst keine weiteren Veränderungen zum MRT aus 2019. Symptome flammen aber immer wieder auf- auch Pseudo-Schübe. Heute bin ich 32, immer noch verheiratet und meine Kinder sind mittlerweile 5 Jahre alt.

Trotz – oder gerade wegen- der MS habe ich mich in die Selbstständigkeit gewagt und bin sehr glücklich über diesen Schritt.

Ahoi,

Ich bin Kathrin und ich habe Multiple Sklerose.
Mein Leben in drei Worten beschrieben:

Hart aber herzlich!  Wo fängt man am besten an über sich und sein Leben zu erzählen?

Keiner kam auf die Idee, das MS auch Jugendliche betrifft

Ich bin schon immer ein lebensfrohes, freundliches, offenes, herzliches, kommunikatives und willensstarkes Menschlein gewesen.

Kathi Musikalisch sein ist alles, was mir geblieben ist


Trotz dieses schönen Eigenschaften bin ich aber auch sehr sensibel, zickig, oftmals launisch und gerade den Menschen, die es gut mit mir meinen, oft ungerecht gegenüber. Meine MS-Symptome zeigten sich schon sehr früh in Kindheitstagen, meine Kindheit- und Jugendzeit war im großen und ganzen schön und dennoch oft von Lästereien und Ausgrenzung geprägt. Das geschah aber durch Unwissenheit der anderen. Ende der 80ger hatte ich eine Sehnervenentzündung mit rechtsseitiger Gesichtslähmung. Mein Sehfeld war extrem eingeschränkt! Mitte und Ende der 90ger hatte ich einige Gehirnhautentzündungen mit Sehnervenentzündung, neurologischen Ausfällen. Ich bin gestolpert; kraftlos, müde, kognitiv eingeschränkt war ich teilweise seit Ende der 80ger. In dieser Zeit kam keiner auf die Idee, das MS auch Kinder oder Jugendliche betrifft. Vieles wurde abgetan. Meinen Eltern wurde gesagt, ich wäre halt empfindlicher als andere und oft kam die Aussage, es wäre psychisch. In den 2000ern habe ich einiges verdrängt. Ich habe geheiratet, habe drei Kinder bekommen und hab mich scheiden lassen. Meine Ehe war seelisch ein Graus für mich und zum Ende meiner dritten Schwangerschaft hatte ich einen Nervenzusammenbruch. Meine Jüngste ist 2005 geboren, ich habe gekämpft, meine drei Kinder versorgt, gearbeitet, gelernt, alles organisiert, kaum geschlafen…

Glaubt an euch!

Ein Schub und plötzlich EDSS 8

2007 kam dann der körperliche Zusammenbruch und der erste, richtig schlimme Schub in meiner MS Laufbahn. Diagnose, Wochen lang Krankenhaus, Wochen lang Reha folgten. Lesen, Sprechen, Laufen waren das kleinere Übel, was ich wieder lernen musste! Ich habe 4 Instrumente gespielt, konnte Noten lesen, war musikalisch! Musikalisch ist alles was mir von meinem Hobby geblieben ist. Meine Kinder die ersten Monate nicht alleine versorgen zu können war das Schlimmste für mich. Hilfe annehmen, akzeptieren können, sich selbst wieder annehmen zu können war hart. Ich habe es geschafft! Es hat rund zwei Jahre gedauert, aber ich habe es geschafft! Disziplin, Ausdauer, Geduld und ganz viele Tränen. Etliche Basistherapien, kleinere Schübe, viele Mutter Kind Kuren, Therapeutische Hilfe und einen Mann später kam der nächste Hammer Schub! EDSS 8! Sogar das Zähneputzen war eine Qual für mich. Mein Mann hat mich geduscht, mich nachts zur Toilette getragen, laufen ging nur ein paar Schritte! Diese Zeit war seelisch sehr grausam für mich!… Aber… Auch da habe ich mich wieder raus gekämpft! Einige kleine Schübe später, zwei Hunde, ein Haus, Therapien, Krankengymnastik, Wassergymnastik, Ergotherapie, Logopädie, Eskalation, Leben, Glücklichsein später stehe ich heute, in diesem Moment bei EDSS 4-5.

Setzt euch realistische Ziele, gebt nicht auf und schaut immer auf das was noch geht, was ihr noch könnt! Das Glas ist immer halb voll!

Das Leben ist schön 

Eure Kathi