Der Dezember 2015 veränderte alles

Sven und ich lernten uns im Januar 2015 kennen und wurden im März bereits ein Paar. Am Anfang war es bei uns wie in einem Film: rosarote Brille, ständig unterwegs und einfach nur glücklich.
Doch im Herbst veränderte sich die Beziehung stark, Sven war viel auf Montage und ich war ständig erkältet und einfach richtig mies drauf, dies tat der Beziehung wirklich nicht gut. Wir ahnten hier noch nicht, dass dies bereits daran lag, dass ich chronisch krank war.

Ich kann es eigentlich nur so beschreiben: kennt ihr dieses Gefühl, dass bald eine Grippe ausbricht, sprich, dass man sich bereits so richtig krank fühlt, aber irgendwie noch nichts so richtig da ist? Man hat Gliederschmerzen, ist so richtig niedergeschlagen, hat kaum Kraft? So fühlte ich mich über Monate hinweg. Das zog auch an meinen Nerven. Ich hatte mir sehr viel Arbeit aufgehalst und wollte es einfach schaffen, doch zog dann im November die Notbremse. Ich war mehrfach beim Arzt, war zwei Wochen krankgeschrieben, doch man sagte mir einfach nur: ruhen Sie sich aus, ihr Immunsystem ist scheinbar nicht so kräftig.

Unsere Beziehung machte eine echte Bewährungsprobe durch, denn ich war mittlerweile richtig depressiv, forderte viel von Sven, weinte viel. Ich wusste einfach nicht, was mit meinem Körper los war. Am 29.11. zogen wir zusammen, am Tag des Umzuges knallte es heftig zwischen uns und wir stellten uns die Frage, ob wir das Richtige tun… als es eigentlich schon zu spät war.

In der Nacht vom 2.12. zum 3.12. musste ich mich ständig übergeben und am Morgen hörte ich dann nicht mehr auf zu weinen. Hier war für mich der Punkt erreicht: Ich muss etwas tun, ab in die Notaufnahme!

Sie müssen noch etwas bleiben

Sven kam sofort von der Arbeit nach Hause, als er hörte, dass ich in die Notaufnahme fahren möchte. Wir fuhren gemeinsam und ich stellte mich mit meiner Problematik vor, es dauerte glücklicherweise nicht lang, schon wurde ich aufgerufen. Wir durften gemeinsam das Behandlungszimmer betreten und es folgte die typische Anamnese. Anschließend wurden einige kurze Tests gemacht und den Zeitpunkt werde ich wohl nie vergessen. Bei einem Armhalteversuch sank mein linker Arm plötzlich ab, eine neurologische Auffälligkeit, welche den Arzt dazu veranlassten, Sven zu bitten, den Raum zu verlassen und mich anschließend darauf vorbereitete, dass ich wohl noch etwas bleiben müsste. Eine Vermutung wurde hier noch nicht ausgesprochen.

Was folgte waren mehrere Blutabnahmen, eine Infusion und das lange Warten auf das MRT. Ich schlief fast ein, ich war so unglaublich müde. Beim MRT angekommen, bekam ich für einen kurzen Moment meine Akte zu Gesicht: “Ausschluss einer Gehirnblutung oder eines Tumors.”

Ok, ich habe mich doch nur kränklich gefühlt und mich etwas übergeben, und jetzt das?

Hast du das Gefühl, du findest dich in den Beschreibungen wieder? Oder liest du gerade den Artikel, weil du bei dir MS vermutest? Dies ist ein reiner Erfahrungsbericht, schau gern auf der Seite der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft vorbei oder geh direkt zu einem Arzt.

http://www.dmsg.de.

13 Stunden Notaufnahme

Nach dem MRT noch eine Augenuntersuchung und hier war bereits klar, dass man scheinbar etwas überfordert war. Denn ich wurde irgendwann gefragt, was ich denn eigentlich hier mache und auf was ich warte. Kein Kommentar!

Ich war schließlich insgesamt 13 Stunden in der Notaufnahme, ohne etwas zu essen oder zu trinken. Der Arzt meine nun, um 23Uhr, ich müsste in ein 60km entferntes Krankenhaus verlegt werden. Auf die Frage warum, bekam ich keine Antwort. Es war Donnerstag und ich stellte in Frage, ob es nicht auch möglich wäre, am Montag ins Krankenhaus zu gehen, schließlich würde über das Wochenende eh nichts mehr passieren. Ich bekam eine der schockierensten Antworten meiner MS Geschichte: “Wenn Sie jetzt gehen, könnten Sie sterben.” Wieder fragte ich, was man denn vermutet. Als ich wieder keine Antwort bekam, beschloss ich, auf eine Gefahr das Krankenhaus zu verlassen.

Das folgende Wochenende war geprägt von Angst und den guten Vorsätzen nicht so viel dran zu denken, was natürlich nicht klappte. Sven organisierte am Sonntag ein Gespräch mit einer Neurologin, die Frau eines Kollegen. Sie sprach das erste Mal die Vermutung MS aus, obwohl wir uns nur vom Telefon kannten. Auch Sie war es, die für mich gleich am Montag ein Bett im Krankenhaus besorgte. Ich habe diese Frau nur für zwei Tage am Telefon gesprochen, hatte nie die Gelegenheit ihr wirklich zu danken, was sie dort gemacht hat.

Im Krankenhaus dauerte es genau drei Tage, bis man den Verdacht auf MS aussprach. Hier folgten plötzlich so viele Untersuchungen. AM Freitag dann die Gewissheit. Von nun an chronisch krank. Es kam extra die Oberärztin zu mir und sagte: “Wir sind uns sicher” Es folgte ein Wochenende im Krankenhaus mit ungelogen 19 Stunden pro Tag Infusion. Schmerzen, die ich mittlerweile hatte, waren kaum zu ertragen. Schließlich bekam man solch ein Mitleid mit mir, dass ich zumindest allein auf meinem Zimmer bleiben durfte und keinen Zimmernachbarn bekam.

Du willst die Geschichte einmal genauer hören, wie es zur Diagnose kam und wie sie uns verändert hat? Dann schau dir das Video an!

Chronisch krank – Unwissenheit gemischt mit Verzweiflung

Die Zeit nach der Diagnosestellung war eigenartig. 4 Wochen Reha, Arztbesuche ohne Ende, Medikamenteneinstellung. Ich war noch nie der Typ, der oft zum Arzt geht oder bei einer Grippe sich auf der Arbeit krank meldet. Und plötzlich war man Dauerpatient.

Die Wiedereingliederung in meinen Beruf lief aus verschiedenen Gründen schlecht. Ich möchte aus Respekt darauf nicht weiter eingehen.

Ich war insgesamt weniger als 5 Wochen arbeiten, nur 3 Tage davon voll. Das war auch das letzte Mal, dass ich arbeiten war.

Dies machte die Situation nochmal etwas schwieriger. Denn zusätzlich, zu der eh schon neuen Situation, kam auch noch die berufliche Ungewissheit dazu.

Diese Situation war im Endeffekt auch erst 4 Jahre später geklärt.

Bis ich und auch Sven wirklich akzeptiert und eine Haltung zu allem entwickelt haben, vergingen ungefähr zwei Jahre. Wir sagen heute beide, dass uns dies unglaublich zusammengeschweißt, gestärkt und auch neue Sichtweisen auf viele Dinge gegeben hat. Wir beide würden nie behaupten, dass diese Diagnose nur schlecht war. Sie hat uns auch etwas gegeben!

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