Wir sind ganz klar sehr unentschlossene Menschen und zum Glück sind wir uns in diesem Punkt sehr ähnlich. Es wäre sicher auch etwas einfacher, wenn einer von uns zu Hause die Entscheidungen einfach treffen würde, jedoch würde das wahrscheinlich zu Streit führen. Denn ich bin mir nachdem wir eine Entscheidung getroffen haben trotzdem immer unsicher und will diese immer noch einmal überdenken. Ich weiß, eine unglaublich nervige Eigenschaft!

Als unsere Pläne, eine Reise um die Welt zu machen, das erste Mal konkreter wurden, planten wir zunächst 6 Monate nach Thailand zu gehen. Grundsätzlich war diese Überlegung gut durchdacht, denn hier wollten wir auf unsere Tauchkenntnisse aufbauen und unseren Divemaster, Diveinstrutor und anschließend unseren Masterscubadiver absolvieren. Dies hätte ungefähr 5 Monate in Anspruch genommen und uns im Anschluss ermöglicht, als Tauchlehrer zu arbeiten, um die Reisekasse etwas aufzubessern nach Bedarf. Auch war die Überlegung da, sich irgendwann in einem anderen Land niederzulassen, vielleicht sogar Thailand und eine Unterkunft und Essen vor Ort zählen sich ja schließlich nicht von allein. Da es genug Divemaster auf dem Markt gibt, aber mittlerweile auch Diveinstructor, wollten wir so gut ausgebildet wie möglich sein, um attraktiv für Arbeitgebern zu sein. Der Haken: Es würde eine wirkliche Stange an Geld kosten.

In Thailand den Traum zum Job machen?

Wir rechneten mit ca. 15 000 € allein für Flüge, Unterkunft, Nahrung und die Ausbildung. Und das in 5 Monaten Thailand. An nur einem einzigen Ort in Thailand. Dort war noch kein Visarun dabei, noch kein Ausflug und auch nicht der sechste Monat, den wir uns bewusst gelassen hatten, um noch ein weiteres Land zu bereisen, wenn wir schon mal in Südostasien waren.


Also schauten wir schließlich weiter nach einem „Internship“, also nach einer Ausbildung gegen Arbeit. Hier landeten wir schließlich in Mittelamerika mit unseren Überlegungen. Honduras und auch Panama waren heiße Kandidaten, sie wollten zwar einen gewissen Betrag für die Unterkunft haben, dies war jedoch fair, wir wollten nie alles geschenkt haben.


Wir setzen uns schließlich mit beiden Ländern und verschiedenen Tauchschulen in Verbindung und wurden schrecklich enttäuscht. Die Erwartungen sind hoch, die Verträge, die wir zur Durchsicht bekamen, mit Dingen gespickt, die teilweise sehr fragwürdig sind. Geldsparen ist das eine. Doch zu welchem Preis?


Also entschieden wir uns doch in den sauren Apfel zu beißen und die große Summe zu investieren. Es sollte für uns also Mitte 2019 für 5 Monate nach Thailand gehen, anschließend eventuell einen Monat nach China oder Indien. So richtig festlegen wollten wir uns in diesem Punkt nicht. Wir suchten uns eine Tauchschule heraus, nahmen Kontakt auf, besprachen alles und waren auch wirklich zufrieden mit der Lösung.

Die Gesundheit lässt dich umdenken


Anfang 2019 kamen wir an einen Punkt, den wir so noch nicht kannten. Wir waren es gewohnt, dass die MS und auch die Epilepsie, durch die Tatsache, dass ich arbeitsunfähig zu Hause saß, präsent war, doch wirklich große Einschränkungen, haben wir selten gespürt. Den Tagesablauf hatten wir mittlerweile so gut in den Griff bekommen, dass man diese wirklich in den gut in den Tag integriert hatte.


Doch Ende 2018, Anfang 2019 bekamen wir sie kaum noch in den Alltag integriert, spürten Auswirkungen, die wir so noch nicht kannten. Die Fatigue machte sich in allen Lebenslagen bemerkbar und auch kognitiv spürten wir das erste Mal einen Abbau.


An diesem Punkt fragten wir uns das erste Mal: „Was ist wenn?“ Vor dieser Frage drückten wir uns noch die letzten Jahre! Wir sind Optimisten und sich es auch noch heute. Doch damals setzen wir uns damit auseinander. Was ist wenn wir diese große Summe investieren, anschließend arbeiten gehen, sei es in Deutschland oder auch im Ausland als Tauchlehrer für einige Jahre und uns danach erst, wie geplant den Traum vom Reisen erfüllen, es aber gar nicht mehr können? Weil ich nicht mehr kann? Da fiel es uns plötzlich auf: So ganz normal werden die nächsten Jahre doch nicht ablaufen!

Klar, ich war zu diesem Zeitpunkt bereits Rentenantragssteller, mein Zustand war also nicht der Beste. Jedoch spürten wir dies selten, da ich, durch die Tatsache, dass ich mir den Alltag selbstständig organisieren konnte, meinen gesundheitlichen Status ganz gut im Griff hatte. Wir vergaßen dadurch oft, dass wir zwei chronische Erkrankungen im Gepäck haben. Doch der Rucksack wurde immer schwerer und nun konnten wir diesen oft nicht mehr ohne weiteres tragen.

Wir dachten plötzlich ganz anders

Wir fingen also an umzudenken. Wieso nicht erst reisen und dann arbeiten? Die Arbeit läuft uns doch schließlich nicht weg. Denn es ist möglich, dass ich in 10 Jahren vielleicht nicht mehr reisen kann, Sven kann jedoch immer noch arbeiten. Genauso gut könnte es sein, dass wir beide in 10 Jahren noch arbeiten können. Egal was von beiden Szenarien eintritt, es ist definitiv die bessere Variante, als arbeiten zu gehen und in 10 Jahren festzustellen, dass wir nicht mehr reisen können.

Eine Tour, mit einem Backpack, war von Anfang an klar, kommt für uns nicht in Frage. Unser Sichtweise war durch diese neue Gedanken verändert, wir dachten nun an Hindernisse, mögliche Auswirkungen und wie wir diese in einen normalen Tagesablauf am besten integrieren können. So war es von Anfang am wichtigsten, dass der Stresspegel auf unserer Reise so gering wie nur möglich ist.

Elmo – unser neues zu Hause

So landeten wir schließlich bei der Idee, uns ein Wohnmobil zuzulegen. Denn eines war hier klar: Wir haben unser gewohntes Umfeld immer bei uns, unser zu Hause. Hier haben wir stets ein Gefühl von Heimat, wir können gewohnte Abläufe einführen. Das Reisetempo können wir selbst bestimmen, denn sind wir mal ehrlich: Reisen ist anstrengend! Egal ob mit dem Flugzeug, mit Bus oder Bahn. Wenn man den Standort wechselt, lässt man Kraft und Nerven. Dies bleibt uns somit erspart.

Also zogen wir los und kauften ein Wohnmobil, unseren Elmo. Sind wir mal ehrlich und bringen es auf den Punkt: Elmo war von Anfang an eine Diva und wir haben nicht nur einmal gedacht, dass es ein Fehlkauf war. Die komplette Rückwand hatte einen auf den ersten Blick nicht sichtbaren Wasserschaden, der Boiler war kaputt, der Kühlschrank lief nicht über 12V und das waren nur die großen Baustellen, die wir plötzlich bemerkten. So wurde aus einer geplanten Umbauphase von einem Monat eine Restauration über einem Jahr.

Doch plötzlich stand er dann da, unser Elmo, war nicht mehr wieder zu erkennen und war fertig – mal abgesehen von den kleinen Dingen, die einfach mal so auftreten.

Plötzlich waren wir wieder “zu Hause”

Als uns Corona alle Pläne durchkreuzte, war es schon längst zu spät für uns. Wohnung gekündigt, Sven hatte keinen Job mehr, alle Sachen verkauft, wir besaßen nur noch unser Wohnmobil, den Inhalt und uns.

Nach 4 Monaten, in denen wir echt in der Luft schwebten, drei davon lebten wir in Elmo, entschieden wir uns nun doch wieder für eine Wohnung. Wir wollten uns auch nichts vor machen, wir waren einfach zu unsicher, wie man in Zeiten Coronas verfahren sollte und zudem wollten wir abwarten, wie es sich entwickelt.

Jule ging es zu dieser Zeit gesundheitlich sehr schlecht und wir mussten auch Ruhe in unsere Situation bringen. Was so einfach klang, war es bei weitem nicht. Jule ging es immer schlechter und wir entschieden schlussendlich, erstmal wieder sesshaft zu werden, unsere Reisepläne schienen plötzlich sehr weit weg, wenn nicht sogar komplett auf Eis gelegt.

Dann gab es da diesen einen Punkt, der uns komplett zum Umdenken zwang. Die Wohnung, welche wir für uns schon als unser langfristiges Hause ansahen, sollte nun doch an jemand anderen gehen. Puh, das war erstmal ein Schlag mitten ins Gesicht. Doch an diesem Punkt griffen wir unseren Traum nochmals auf. Wir fragten uns, ob wir vielleicht zu früh aufgegeben hatten, ob wir nicht doch noch eine Lösung finden, die sowohl mit Corona, vor allem aber mit der Gesundheit vereinbar ist.

Zu Hause und das überall auf der Welt

Das Ding ist folgendes: egal wie man es macht, es bleibt ein Problem. Morgens aufstehen, zum Flughafen fahren, sich ins Flugzeug setzen und ewig in der Blechkiste sitzen. Anschließend durch die Passkontrolle, auf das Gepäck warten und zu der Unterkunft gelangen. Das kann je nach Reiseland schon mal zwischen Stunden und Tagen dauern. Dies bedeutet Stress und körperliche Anstrengung. Nicht nur das ist für mich absolut unmöglich, es fängt schon an dem Punkt an, dass ich nie planen kann, morgens aufzustehen und zu einem Flughafen zu fahren. Ich weiß nie, wann es mir an einem Tag gut geht und wann nicht. Mein Körper ist sehr unberechenbar. So ist es auch sehr unberechenbar, eine Weiterreise in einem Land oder von Land zu Land mit einem Bus, einem Zug oder ähnlichem zu planen. Der Druck, dies zu schaffen, verschärft die Situation nochmals.

Das was wir tun, können wir überall auf der Welt tun.

Was funktioniert, bzw. wie wir es nennen, “wo es sich am besten leiden lässt”, ist zu Hause. Beständigkeit, Ruhe, das Wissen, das kein Druck herrscht, weiter reisen zu müssen, eine Rückzugsmöglichkeit. Aber ist das wirklich auf Reisen möglich? Und ob, denn wenn man einfach anders denkt und zu einigen Kompromissen bereit ist, findet man hier einen Weg.

Mehr als du dir erträumen konntest

So fingen wir plötzlich an, das Ganze nicht mehr Reisen zu nennen, sondern Leben und schon fiel es uns wesentlich leichter, zu planen und alles mit den nötigen Kleinigkeiten zu füllen. Denn die Idee war, unser Leben an einen Ort zu verlagern, denn das, was wir bis zu diesem Punkt taten, konnten wir an jedem Ort der Welt tun! Zu diesem Zeitpunkt war Jule ausschließlich zu Hause, verließ ein oder zweimal die Wohnung, Sven war nicht arbeiten. Warum dann in Deutschland? Ein fester Ort im Ausland, einen Ort, den man schon immer besuchen wollte, in einer Unterkunft, die alles, was wir benötigen, besitzt und schon kann man sich einen Traum erfüllen, den man schon immer leben wollte. Den Traum vom Reisen.

Ja, wir werden nicht viel sehen. Ja wir werden viel Zeit in unseren Unterkünften verbringen. Doch wenn wir nur einmal in zwei Wochen ein Stück Natur erobern können, ist es etwas, was wir uns nie hätten erträumen können!

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2 Comments

  1. Sehr schön und interessant geschrieben. Manches macht einen fast traurig, manchmal ist es einfach zum lachen. Ich wünsche euch das ihr noch viele Träume verwirklichen könnt!

    • solltekoenntemache Reply

      So schön von dir zu lesen! Wir waren so aufgeregt, hier stecken so viele persönliche Gedanken drin und dann ist es toll ein Feedback zu hören, dass es dich in beide Richtungen mitzieht. So ist es auch gedacht;-)
      Wir hoffen, so viele zu erreichen!
      Liebe Grüße aus dem Norden, Jule

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